- "Ein bisschen Salz, nicht Sand im Getriebe“ - so haben ich vor Jahren einen Bericht über das damals 10- jährige Bestehen des Gesprächskreises „Christen und Christinnen und SPD“ für den „Vorwärts“ überschrieben. Ob Christen und Christinnen sich innerhalb der SPD politisch engagieren sollen – diese Frage hat sich den Mitgliedern und Freunden der SPD nicht gestellt, die sich seit Jahren im Rahmen des Gesprächskreises „Christen/Christinnen und SPD“ zu Veranstaltungen treffen. Sie beteiligen sich aus ihrem Blickwinkel heraus an der innerparteilichen Diskussion und werfen Fragen auf, die im Trubel des Politikalltags oft in Vergessenheit geraten. Mit kritischen Anfragen an Mandatsträger und Parteiverantwortliche möchten Sie nicht „Sand im Getriebe“ des SPD- Landesverbandes sein, wohl aber Salz, das manchmal brennt, dafür aber Menschen „auf den Geschmack“ bringt.
- Bei einen unserer „Gespräch zum Erntedank“ machte der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen- Anhalt, Reinhard Höppner deutlich, warum es gerade heute wichtig ist, dass sich Christen ins politische Geschäft einmischen: Demnach befinden wir uns in einer umfassenden Umbruchsituation, in der das Tempo immer mehr zunimmt. Dies erlaubt es offenbar nicht mehr, ein Problem noch bis zu Ende zu durchzudenken, bevor die Lösungsvorschläge schon zwischen den Mühlsteinen der Machtkämpfe zerrieben werden. Kein Wunder, wenn angebotene Lösungen ein Verfallsdatum haben, das nicht mehr in Jahren, sondern inzwischen in Monaten oder gar Wochen angegeben wird. Die Orientierungslosigkeit ist dadurch groß.
- Als Christen werden wir gefragt, welchen Beitrag wir in dieser Situation leisten können. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die biblische Botschaft, die manche gerne in den Raum individueller Frömmigkeit abdrängen, eine Fundgrube für politische Orientierung ist, gerade in Zeiten großer Umbrüche. Selbst jemand, der nicht an Gott glaubt, kann nicht bestreiten, dass mit der Bibel jahrtausende alte Menschheitserfahrungen weitergegeben werden.
- Reinhard Höppner fordert uns Christen auf, „Salz für die Welt“ zu sein, „denn eine neue Zeit braucht alte Werte. Wir müssen schwierige Übersetzungsarbeit leisten, damit die Werthaltungen der biblischen Botschaft für die Welt verständlich werden und politische Wirkung zeigen.“
- So weit so gut, denken Sie als Leser vielleicht, dies kann ich unterschreiben. Und Ihnen fällt vielleicht auch noch der Bibelvers aus Jeremia 29, Vers 7 ein, der uns Christen auffordert, der Stadt (Land) Bestes zu suchen. Aber fragen Sie sich nicht auch, ob in der Politik, ob von der derzeitigen Regierung biblische Grundwerte überhaupt noch wahr- oder gar ernst genommen werden? „Hartz IV“, die Asylgesetze, die auseinander gehende Schere zwischen Arm und Reich – sind dies nicht Beweise dafür? Wird also überhaupt auf Menschen gehört, die aus der biblischen Botschaft heraus argumentieren? Von Zeit zu Zeit provoziert mich meine Frau mit der Frage: „Was bringt denn Dein Engagement im Gesprächskreis? Ihr macht schöne und starke Worte bei Euren Veranstaltungen und verändert nichts, überhaupt nichts“. Ich verteidige mich dann mit den Worten: „Was wir diskutieren, landet direkt in Berlin oder in die SPD- Fraktion des Landtages.“ Natürlich weiß ich nicht, was beispielsweise Bundestagsabgeordnete nach einem Gesprächabend mit uns nach Berlin mitnimmt. Noch weiß ich, welche Auswirkungen z.B. der von uns durchgeführte parlamentarischen Abend der SPD- Fraktion im Oktober letztendlich hat, an dem Vertreter von Diakonie und Caritas (nach Besuchen sozialer Brennpunkte) mit Mandatsträgern die Frage diskutieren, was soziale Gerechtigkeit heute bedeutet. Ich weiß aus eigener Erfahrung als Gemeinderat, dass das politische Geschäft kompliziert ist und dass interessante Diskussionen noch lange keine praktische Politik bedeuten. Doch ich habe auch den Eindruck, dass wir Christen und Christinnen von vielen Mandatsträger und Mandatsträgerinnen ernst genommen werden und unsere Überlegungen, Wertvorstellungen und Überzeugungen, die wir auch im Horizont der biblischen Botschaft machen , als das eingangs beschriebene „Salz“ weiterwirken. Wie viel wir bewegen, ist nicht zu messen, aber zum einen gibt es noch viele andere Christen und Christinnen in der Bundesrepublik, die sich in politische Diskussionen einmischen und zum anderen glaube ich daran, dass die christliche Botschaft auch ohne unser Dazutun noch heute in unserer Gesellschaft Früchte trägt – selbst wenn man manchmal daran zweifeln mag.
Otto Haug
Sprecher der Gesprächskreises „Christen/Christinnen und SPD











